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Seit Wochen ist die Aufmerksamkeit auf die Geschehnisse in Italien gerichtet. Foto: © Presidenza della Repubblica

Italiener und Deutsche im Streit: Über Nationalstolz und Oberlehrer

Italien und Deutschland reden aktuell mal wieder übereinander, nicht miteinander. Das führt zu einer Kluft und Entfremdung zwischen den Schwesterstaaten. An sich arbeiten müssen beide. Ein Kommentar von onde-Autorin Johanna Gremme.

Täglich überstürzen sich die Schlagzeilen: Neue Regierung, neuer Ministerpräsident, Verzicht auf das Präsidentenamt, Forderungen nach Absetzung des Staatspräsidenten, doch eine Regierung. Ich lebe in Italien und werde mit jeder dieser Nachrichten ein bisschen trauriger.
Die politische Entwicklung in Italien ist seit Jahren dramatisch. Nun steht das Land vor dem Beginn einer möglichen „Dritten Republik“ und das Ausland wacht erst ganz langsam auf und beginnt, die Situation ernst zu nehmen. In einer Krisenlage wie dieser ist es wichtig, dass man einander versteht. Doch das scheint nicht der Fall zu sein.

Eine politische Erziehung findet in Italien kaum statt
Mich macht traurig, dass mit jeder neuen Nachricht das Unverständnis zwischen Deutschland und Italien wächst. Es tut sich eine Kluft auf, die mir große Sorgen bereitet. Deutsche verstehen nicht recht, warum es mit der Politik in Italien so schiefläuft. Ich bin noch nicht lange in Italien, aber lange genug, um eingesehen zu haben, dass es sehr schwer ist, das Land wirklich zu verstehen. Um das auch nur im Ansatz zu schaffen, muss man die deutsche Brille ablegen. Meine italienischen Freunde, größtenteils selbst Studierende, sind zu großen Teilen enttäuscht und desillusioniert. Wovon?
Besonders von der Politik. Ihnen fehlt ein positiver Aktionismus, das Bewusstsein, Dinge verändern zu können. Weil ihnen seit Generationen vorgelebt wird, dass die Dinge immer so bleiben, wie sie sind und sie selbst sowieso keinen Einfluss haben. Die Politik legt man lieber in die Hände der Politiker, die Medizin in die Hände der Ärzte, die Verantwortung in die Hände derer, die hierarchisch eine Stufe höher stehen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass meine Freunde politisch unmündig sind. Aber nicht, weil sie nicht intelligent genug sind. Weil sie oft im Denken unselbständig erscheinen und, überspitzt formuliert, im kantschen Sinne nicht mutig genug, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen. Und das ist nicht die Schuld meiner Freunde. Eine politische Erziehung findet kaum statt. Nur wenige schaffen es in eine gedankliche Selbstständigkeit, entwickeln einen analytischen Blick, durchschauen die Vorgänge und erkennen, was sie verändern müssten. Aber sie wissen dann nicht, wie es geht. Daher lassen sie es lieber oder wandern aus.
Von meinen deutschen Freunden und Bekannten schlägt mir immer wieder Unverständnis in Bezug auf Italien entgegen: „Warum kriegen sie denn nicht die Kurve, so schwer kann es doch gar nicht sein!“. Dabei dürfen wir als Deutsche nicht vergessen, dass unsere Demokratie erstens nicht unanfechtbar und zweitens nicht vor Populisten gefeit ist – das haben die letzten Wahlen auch uns gezeigt. Und dass zweitens unser Grundgesetz nicht nur von unseren deutschen Gründervätern ausgebrütet, sondern von vielen, demokratieerfahrenen Nationen bewacht wurde. Deutschland wurde an die Hand genommen und zu einer Demokratie erzogen. Klar, daran erinnern sich viele nicht mehr, ich musste mir darüber selbst erst bewusst werden.

Die Deutschen: reich und besserwisserisch?
Auch die aktuelle Berichterstattung auf beiden Seiten befördert das Unverständnis. Es ist leichter, sich vom tagesaktuellen Geschehen leiten zu lassen und sich an den dadurch gegebenen Fakten entlangzuhangeln, anstatt unter die Oberfläche zu schauen und zu begreifen, was passiert und vor allen Dingen, warum es passiert. Beispielsweise regten sich kürzlich einige italienische Zeitungen über relativ harmlose Karikaturen aus deutschen Magazinen auf – womit sie ein Bild des „bösen Deutschen“ stilisierten, statt eine differenzierte Berichterstattung über nationale Interessenskonflikte zu leisten. Für viele Italiener – und das erlebe ich im Kleinen in meinen Begegnungen mit jungen Leuten leider auch – sind die Deutschen diejenigen, die Europa regieren und von oben herab Regeln vorschreiben. Die Deutschen sind reich und wissen immer alles besser.
Je länger ich in Italien lebe, desto mehr kann ich verstehen, woher diese Einstellung rührt. Die meisten Deutschen, die nach Italien kommen, sei es zum Studieren, Arbeiten oder nur zum Urlaub, sprechen die Sprache nicht und geben sich noch nicht einmal die Mühe, die einfachsten Sätze zu beherrschen. Sie bringen oftmals Geld und Hochnäsigkeit in das Land, loben das gute Essen und belächeln die kuriosesten Angewohnheiten: „Jaja, immer diese Italiener…“. Wer das Land dann wieder verlässt, schwärmt von der Landschaft und dem Essen, befindet aber nicht selten, dass es „schlimm zugeht“. Das ist anmaßend, denn bei dieser Beurteilung wird der deutsche Standard als Maßstab genommen.

Italien funktioniert anders als Deutschland
Genauso unangebracht ist es allerdings von Italienern, sich von ein paar Karikatürchen beleidigen zu lassen. Es geht nicht immer um Nationalstolz. Es geht auch mal darum, Verantwortung zu übernehmen, anstatt immer nur, „Boh“, schuldlos die Arme von sich zu strecken. Und deutsche Feindbilder schüren in Deutschland ganz bestimmt nur noch mehr Unverständnis. Es ist Neid darüber, dass die Dinge in Deutschland anders laufen und dieses „Anders“ vielen Italienern, auch vielen meiner Freunde, als das Bessere erscheint. Dieser Neid wird schnell in noch negativere Gefühle umgeleitet, paart sich mit verletztem Stolz und Hass. Das finde ich nicht fair.
Die Mehrheit der Italiener hat populistische Parteien gewählt. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Aber dafür müssen nun in erster Linie die Italiener die Konsequenzen tragen, in zweiter Instanz Deutschland und Europa. Deutschland muss allerdings aufhören, sich immer wie ein Schulmeister ungefragt in Belange einzumischen, die weit von der deutschen Wirklichkeit entfernt sind. Denn Italien funktioniert nun einmal nicht wie Deutschland, kulturell geprägte Denkweisen bedingen ein anderes Handeln und eine andere Politik. Trotz all der besorgniserregenden Zustände wäre ein bisschen mehr Gelassenheit und Zutrauen nicht verkehrt.
Der Historiker Golo Mann hat Deutschland und Italien einmal als „Schicksalsschwestern“ bezeichnet. Es scheint, als sei Deutschland gerade die böse Stiefschwester und Italien die pubertierende Zicke. Das entspricht nicht gerade dem Ideal von Geschwisterliebe. Und diese Beziehung wird sich nicht bessern, solange die eine die andere attackiert. Wenn wir uns wirklich verstehen wollen, dann sollten die Deutschen von Stereotypen wie „Mamma Mia“, „Sorgenkind“ und „Bettlern“ genauso Abstand nehmen wie die Italiener von einem krankhaften Nationalstolz und dem Automatismus, sich in die politische Passivität zurückzuziehen.

Johanna Gremme, Firenze